Wir aktualisieren momentan unser Webseiten Design um die Erfahrung auf unserer Website zu verbessern.

Wir folgten dem Kreuzweg durch Michendorf

Wir folgten dem Kreuzweg durch Michendorf


# Allgemeines - St. Cäcilia
Veröffentlicht am Freitag, 28. Mai 2021, 12:05 Uhr

Kreuzweg durch Michendorf im Coronajahr 2021

Zum zweiten mal  Fastenzeit unter Pandemiebedingungen - wir vermissen vieles und sehnen uns nach Normalität; und doch bringen auch solche, alles andere als wünschenswerten Situationen neue Formen hervor, die uns bereichern können.

Monika Gunkel ist es zu verdanken, dass eine Michendorfer Kreuzweg-Version entstand.

An 7 Stationen, die, jede für sich, ganz lebensnah und präsent, Kreuzweg-Situationen ins Zentrum rücken, konnten allein oder in kleinen Gruppen erwandert werden.

So kamen an einem frühlingshaften Tag zu Beginn der Karwoche drei Menschen zusammen, um den Weg mit der ersten Station im Innenhof des Georgshauses zu beginnen. Inhaltlicher Startpunkt war auf dem Ölberg, wo Jesus in Erwartung seiner Auslieferung betete, während die Jünger immer wieder einschliefen. Die Frage, „Wo schlafen wir, die Jünger in Michendorf, hier und jetzt? Wollen wir das angeschlagene Kirchenbild nur bewahren? Warten wir auf bessere Zeiten, ohne Skandale und Corona, so wie früher?“ mündete in die Bitte: „Herr, weck uns auf! Weck uns auf, damit wir dein Kirche mutig verteidigen und sachlich kritisieren!

Heiliger Gott, heiliger starker Gott, heiliger unsterblicher Gott: Erbarme dich unser!“

 

Weiter führte uns der Weg zum Wolkenbergstadion, mit Blick vom Waldrand auf die Schule. Hier ging es um Pilatus, der aus Angst, sich gegen die Menge zu stellen, Barrabas freigab, und den Befehl erteilte, Jesus zu geißeln und zu kreuzigen. Und es ging um die Ängste von Schülern, Eltern, Lehrern, von uns allen; Ängste verhindern, dass wir unsere Meinung sagen, Unrecht auch Unrecht nennen, aber auch dass wir es wagen, unabhängig von der Mehrheit, tolerant zu sein.

„Heiliger Gott, heiliger starker Gott, heiliger unsterblicher Gott: Erbarme dich unser!“

 

Nächste Station war die Rettungswache; von dort kommen Menschen, die sich persönlich, durchaus auch unter Risiko und Verzicht, engagieren, die Menschen in Not beistehen, die helfen, Kreuze zu tragen. Für uns kommt das Kreuz der Anderen meistens ungelegen, es passt einfach nicht, andere Dinge sind wichtiger. Wir verpassen es, hier und jetzt zu helfen.

„Heiliger Gott, heiliger starker Gott, heiliger unsterblicher Gott: Erbarme dich unser!“

 

Zur 4. Station versammelten wir uns am Netto-Parkplatz und dachten nach über Begegnungen zwischen drei Frauen mit dem Kreuz tragenden Jesus. Und auch über unseren Alltag mit unterschiedlichen  Begegnungen - die „Alltäglichkeit“ von Gewalt und Leid in den Medien, über peinliche Begegnungen mit Bettlern am Straßenrand oder unser Wegschauen und Nicht-eingreifen, wo Andere physischer oder verbaler Gewalt ausgesetzt sind.

„Heiliger Gott, heiliger starker Gott, heiliger unsterblicher Gott: Erbarme dich unser!“

 

Weiter ging es zur AWO-Sozialstation.. Im Mittelpunkt stand hier das Ankommen des völlig erschöpften Jesus auf dem Kalvarienberg, wo er weiter Entwürdigung, Spott und Gelächter ausgesetzt war. Auch hier in Michendorf gibt es z.B. alte Menschen, die ähnlichen Erfahrungen ausgesetzt sind; wenn sie von von Jungen nicht ernst genommen werden, wenn Pflegekräfte unter größtem Zeitdruck arbeiten müssen und kaum Zeit bleibt für ein gutes Wort, wo Peinlichkeiten und persönlich Anvertrautes gedankenlos publik gemacht werden.

„Heiliger Gott, heiliger starker Gott, heiliger unsterblicher Gott: Erbarme dich unser!“

 

Fast schon am Ende des Kreuzwegs, versammelten wir uns wieder am Haus Polygon. Auch Jesus hatte seinen Weg fast vollendet und gerufen „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“  Dass ihre Kreuzwege mit der Ankunft in einem sicheren Land zu Ende gingen, hofften wohl auch viele der hier lebenden Menschen - und erfuhren neue Kreuzwege: Bürokratie, Abweisung, Ablehnung aber auch kulturelle und sprachliche Barrieren, menschenunwürdige Behandlung und Unterbringung. Umstände und Erlebnisse, die wir uns kaum vorstellen können - und dennoch wird Menschen wie ihnen oft unterstellt, sie lebten auf unsere Kosten.

„Heiliger Gott, heiliger starker Gott, heiliger unsterblicher Gott: Erbarme dich unser!“

 

Zuletzt kamen wir wieder zusammen in der Kapelle.

An allen 6 Stationen hatte Jeder einen Stein zum Mitnehmen gesucht, was mal etwas leichter, mal etwas schwerer gelang. Manchmal halfen wir uns gegenseitig. Wir kannten uns noch nicht so gut, wir gingen den Weg überwiegend schweigend und unterhielten uns kaum, und doch wurde ein zunehmendes Bewusstsein für das ganz individuelle Kreuz jedes Einzelnen spürbar.

Besonders deutlich wurde das noch einmal, als wir unsere gesammelten Steine unter den auf einem violetten(?) Tuch ausgebreiteten, bereits vorhandenen Steine verteilten und einige Minuten vor dem  Altar verweilten.

Wir dachten hier an Jesus, als er von Josef in ein Tuch gewickelt und ins Felsengrab gebracht wurde. Wir dachten auch an begrabene Hoffnungen und Beziehungen, an Totgeredetes und Totgeschwiegenes, an Abbrüche, Umwege, Auswege. Wir brachten „unsere“ Steine vor Gott – im Wissen, dass ER lebt, im Vertrauen, dass Er alle unsere Kreuzwege kennt und mitgeht.

 

Was außerdem bleibt, ist ein Bewusstsein für das überall präsente Kreuz - oft ganz still und unspektakulär, nicht ohne Gewicht, aber tragbar, wenn Menschen sich zusammenfinden und sich aufmachen in Richtung hin zum Auferstandenen.

 Sibylle Bernhard